An einem verschneitem Dienstag in Freiburg führt mich mein Navi zu einem Ärtztehaus in mitten Freiburgs. Auf dem Messingtürschild blitzen diverse Praxisnamen von Hausärzten und Physiotherapeuten auf. Und ich muss mich einmal kurz versichern ob ich wirklich, wirklich richtig bin. Denn an der prestigeträchtigen Adresse „Schwarzwaldstraße 1“ befindet sich, wie der Titel es erahnen mag, das „Baby“ von Cornelius Kapfinger – Intend Bicycle Components.
Sekunden nach dem klingeln holt mich ein warme Begrüßung aus der winterlichen Kälte Freiburgs heraus. Der Kaffee ist nicht weniger warm als die Begrüßung und nach einer kurzen Smalltalk Runde, warum es mich denn aus dem schönen Ruhrgebiet nach Freiburg verschlagen hat, geht die Besichtigung der „Fertigungshallen“ los. Einen Schritt später stehe ich im Herzen von „Intend Bicycle Components“
Wer Intend besucht, merkt schnell, dass hier andere Maßstäbe gelten. Keine Hochglanzfassade, keine Marketingwände mit Slogans, keine Produktionshalle, die auf maximale Stückzahlen ausgelegt ist. Stattdessen eine überschaubare Werkstatt, ein funktionales Lager, kurze Wege und Menschen, die genau wissen, was sie tun – und warum sie es genau so tun. Intend versteht sich nicht als Hersteller im klassischen Sinn, sondern als Manufaktur. Und das ist keine Floskel, sondern ein strukturelles Prinzip, das sich durch alle Bereiche zieht.
Die Räumlichkeiten von Intend sind überschaubar – und das ist nicht wertend gemeint. Es gibt einen Montagebereich, ein Lager für Bauteile und Komponenten, Arbeitsplätze für die Fahrwerksmontage und im Keller eine kleine Drehbank, die regelmäßig für Nacharbeiten, Anpassungen oder Sonderlösungen genutzt wird. Alles ist funktional, nur wenig dekorativ. Wer hier arbeitet, arbeitet nicht entlang einer Produktionsstraße, sondern an einzelnen Produkten. Man erkennt schnell, dass Cornelius und sein Team Wert darauf gelegt haben nah am Produkt und somit am Kunden zu sein.

Entwicklung, Montage, Qualitätskontrolle und Service sind bei Intend keine getrennten Abteilungen, sondern greifen direkt ineinander. Wer eine Gabel montiert, weiß auch, wie sie sich im Feld verhält. Wer ein Problem im Service sieht, kann es unmittelbar in die Weiterentwicklung einfließen lassen. Das ist der klassische Vorteil einer Manufaktur – und einer der Hauptgründe, warum Intend bewusst auf Massenproduktion verzichtet und vielleicht auch der Grund, warum Intend so viele Fans hat.
Handarbeit spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht im romantisierten Sinn, sondern ganz pragmatisch. Viele Arbeitsschritte lassen sich zwar theoretisch automatisieren, würden dann aber entweder zusätzliche Maschinen, größere Räume oder mehr Personal erfordern. Alles Dinge, die das bestehende System aus dem Gleichgewicht bringen würden. Intend entscheidet sich deshalb immer wieder für den aufwendigeren Weg – und akzeptiert bewusst die daraus resultierenden Einschränkungen bei Stückzahlen und Lieferzeiten.

Der vielleicht wichtigste Leitsatz bei Intend lautet: Qualität geht vor Skalierung. Das klingt banal, ist im Markt aber alles andere als selbstverständlich. Während viele Hersteller versuchen, steigende Nachfrage möglichst schnell in höhere Produktionszahlen umzuwandeln, zieht Intend genau hier die Bremse (Pun intend’ed).
Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich in der internen Entscheidungsfindung. Neue Produkte werden nicht entwickelt, weil der Markt danach ruft, sondern weil sie intern als sinnvoll erachtet werden. Produktionszahlen werden nicht erhöht, weil es möglich wäre, sondern nur dann, wenn die Qualitätssicherung nicht leidet. Und neue Mitarbeiter werden nicht eingestellt, um mehr zu verkaufen, sondern um bestehende Prozesse stabil zu halten.
Das führt zwangsläufig zu Situationen, in denen die Nachfrage größer ist als das Angebot. Intend nimmt das in Kauf. Lieber zu wenig liefern als zu viel versprechen – dieser Satz fällt im Zusammenhang mit der Firma immer wieder und ist mehr als nur ein Lippenbekenntnis.
Nachfrage ohne klassische Marktmechanik
Trotz dieser Zurückhaltung ist die Nachfrage nach Intend-Produkten konstant hoch. Bei den Gabeln bewegen sich die Bestellungen im Schnitt bei etwa ein bis drei Stück pro Tag. Diese Zahl schwankt nur geringfügig über das Jahr hinweg. Klassische Saisonverläufe, wie man sie aus dem Fahrradmarkt kennt, spielen kaum eine Rolle. Die Nachfrage ist erstaunlich stabil. Kurzfristige Peaks entstehen vor allem nach Pressemitteilungen oder gezielten Produktankündigungen. Dann steigen die Bestellungen für kurze Zeit deutlich an, bevor sie sich wieder auf dem gewohnten Niveau einpendeln. Intend nutzt diese Effekte nicht aktiv, sondern nimmt sie eher als Begleiterscheinung wahr.
Cornelius führt mich weiter in den Raum hinein und eine gefühlte Sekunde später Erblicke ich das wohl gerade begehrteste Objekt der Hardcore Bike Bubble: Die Trinity. Säuberlich aufgereiht stehen Hebel und Körper zur Montage und fast beiläufig Erwähnt Mastermind Cornelius dass demnächst noch ein neuer Drop anstehen könnte. In mir kochen plötzlich 1000 Fragen hoch.
Die Intend Trinity Bremse ist ein gutes Beispiel dafür, wie kompromisslos diese Philosophie umgesetzt wird. Sie ist hochpreisig, technisch eigenständig und bewusst limitiert. Es gibt kein Sponsoring, keine Vorzugsbehandlung für Bekannte oder Content Creator. Wer bestellt, bestellt. Alle haben die gleichen Chancen – oder eben nicht.
Technisch ist die Trinity klar im High-End-Segment angesiedelt. Sie richtet sich an Fahrer, die genau wissen, was sie wollen, und bereit sind, sich auf ein sehr direktes, kraftvolles Bremssystem einzulassen. Dass es dabei nicht nur positives Feedback gibt, wird offen kommuniziert – gerade aber auch aus dem Grund, weil man es sich leisten kann, da die Bremse ein große Fanbase hat.
Genau daran zeigt sich die extreme Marktmechanik bei den Bremsen. Die Intend Trinity wird ausschließlich in Batches verkauft. Sobald ein Batch online geht, ist er in der Regel in unter zehn Minuten ausverkauft. Diese Verkäufe laufen nicht geplant oder gestaffelt, sondern folgen schlicht den vorhandenen Kapazitäten. Cornelius verriert, dass die Montage der Trinity tatsächlich eine Art „Lückenfüller“ ist. Wenn hier und da mal etwas Luft zwischen diversen Kundenprojekten ist, setzt man sich hin und „baut schnell ne Trinity“. Verrückt, wenn man bedenkt wie konsumzentriert unsere Gesellschaft ist und wie sehr sich Intend dagegen positioniert.
Bemerkenswert ist ebenfalls der hohe Auslandsanteil. Rund 50 Prozent der Bremsen gehen an Kunden außerhalb Deutschlands. Das passiert ohne gezielte Internationalisierung, ohne Händlernetzwerk, ohne Distributoren. Die Nachfrage entsteht vollkommen organisch, getragen von Mundpropaganda, Foren, Social Media und dem Fakt, dass man etwas „besonderes“ am Bike hat.
Die Trinity Bremse als Sinnbild
Die Intend Trinity Bremse ist ein gutes Beispiel dafür, wie kompromisslos diese Philosophie umgesetzt wird. Sie ist hochpreisig, technisch eigenständig und bewusst limitiert. Es gibt kein Sponsoring, keine Vorzugsbehandlung für bekannte Fahrer oder Content Creator. Wer bestellt, bestellt. Alle haben die gleichen Chancen – oder eben nicht.
Technisch ist die Trinity klar im High-End-Segment angesiedelt. Sie richtet sich an Fahrer, die genau wissen, was sie wollen, und bereit sind, sich auf ein sehr direktes, kraftvolles Bremssystem einzulassen. Dass es dabei nicht nur positives Feedback gibt, wird offen kommuniziert. Bei mehreren hundert verkauften Bremsen gab es einzelne Rückläufer, bei denen Kunden schlicht nicht zurechtkamen. Diese Fälle wurden unkompliziert abgewickelt. Der überwiegende Teil der Rückmeldungen fällt jedoch äußerst positiv aus.
Der neue Moto V2
Und einen Tisch weiter befand man sich ein, zum damaligen Zeitpunkt völlig unbekannter Dämpfer.
Voller Stolz stellte Cornelius die erste Coil-Luft-Hybrid-Konstruktion, die das Beste aus beiden Welten vereinen soll: die feine Sensibilität einer Stahlfeder gepaart mit der Abstimmungsfreiheit einer Luftfeder.
Während der alte Hover-Dämpfer noch rein auf Luft setzte, kombiniert der neue Moto V2 nun eine Eibach-Stahlfeder mit einer komplett einstellbaren Luftfeder inklusive Negativkammer.
Gefertigt wird der Dämpfer aus einem einzigen Stück Aluminium in Monocoque-Bauweise, vollständig CNC-gefräst – inklusive integrierter Luft- und Öldichtungen. Das sorgt nicht nur für eine cleane Optik, sondern auch für maximale Steifigkeit und Präzision.
Fokus auf das Kerngeschäft
Das Hauptaugenmerk von Intend liegt klar auf der Entwicklung von innovativen Fahrwerks Komponenten. Im Gespräch betont Kornelius auch noch einmal besonders, dass eben auch der Service der bestehenden Kunden klar im Fokus liegt. Und eben das bekommt man auch von Intend Kunden aus dem Freundes und Bekanntenkreis gespiegelt. Unkomplizierter Service nah am Kunden. Ein Set Dichtringe hier, eine Schraube die ein Kunde verloren hat dort und so schafft Intend es eine durchweg getypte Fanbase zu erzeugen.
Das eigentliche Herz von Intend schlägt nicht in der Entwicklung, nicht im Büro und auch nicht im Lager, sondern an den Montageinseln. Hier wird sichtbar, wie konsequent die Manufaktur denkt – und arbeitet. Statt klassischer Fließfertigung gibt es klar definierte Arbeitsplätze, an denen jeweils genau eine Produktkategorie entsteht.
Eine Insel für Dämpfer, eine für Gabeln, eine für Bremsen. Keine Durchmischung, kein Hin- und Herschieben von Halbfertigprodukten, kein „macht mal schnell nebenbei“. Jede dieser Inseln ist so aufgebaut, dass ein Produkt vollständig entsteht. Vom Rohzustand bis zum finalen Bauteil, inklusive aller kleinen Arbeiten, die man in großen Produktionen gern übersieht oder auslagert. Leitungsführungen montieren, letzte Passungen prüfen, Details nacharbeiten – all das passiert hier, am selben Platz, von derselben Person.
Das sorgt nicht nur für kurze Wege, sondern vor allem für Verantwortung. Wer eine Gabel aufbaut, kennt sie bis zur letzten Schraube. Diese Struktur ist kein Zufall, sondern eine logische Konsequenz aus der geringen Teamgröße und dem Anspruch an Wiederholgenauigkeit. Jeder weiß genau, was an „seinem“ Arbeitsplatz passiert. Fehler fallen schneller auf, Abläufe sind eingespielt, Handgriffe sitzen. Und genau das merkt man auch, wenn man danebensteht.
Während unseres Gesprächs montierte Cornelius quasi nebenbei eine Gabel. Kein hektisches Arbeiten, kein Blick in Unterlagen, kein Zögern. Schrauben greifen, Bauteile sitzen, die Reihenfolge stimmt. Entweder war das Gespräch tatsächlich todeslangweilig – oder man könnte diesen Kerl um drei Uhr nachts wecken, ihm eine Edge hinlegen und er würde sie dir blind zusammenbauen. Zur Not auch mit auf dem Rücken verbundenen Händen. Genau hier zeigt sich, was Intend von vielen anderen Herstellern unterscheidet.
Die Montage ist kein letzter Schritt am Ende einer langen Kette, sondern ein zentraler Bestandteil des gesamten Konzepts. Wer hier arbeitet, ist nicht „Montierer“, sondern Teil des Produkts. Und das merkt man nicht erst auf dem Trail, sondern schon beim Zuschauen.
Am Ende ist es genau diese Mischung aus Struktur, Erfahrung und Gelassenheit, die Intend ausmacht. Keine Hektik, kein künstlicher Druck, keine Show. Stattdessen Menschen, die wissen, was sie tun, und Prozesse, die genau dafür gebaut wurden. Die Montageinseln sind dabei mehr als nur Arbeitsplätze – sie sind Ausdruck einer Haltung. Einer Haltung, die Qualität nicht erklärt, sondern lebt. Und es ist ehrlich schön zu sehen, dass sich neben Fox Orange und RockShox Red inzwischen auch Intend Champagne als feste Größe im Fahrwerkskosmos etabliert hat – leise, eigenständig und genau deshalb unverwechselbar.
Mehr zu Intend BC findet ihr hier
Text & Bilder: Sven Schebaum
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Transparenzhinweis: Im Zuge des Tests wurde uns vom Hersteller ein Testmuster zur Verfügung gestellt. Mehr dazu.
















