Wenn die Athertons ein neues Bike auf den Markt bringen, schaut die Mountainbike-Welt genauer hin. Kein Wunder: Schließlich stehen hinter der Marke keine Marketingstrategen, sondern die wohl bekannteste Mountainbike-Familie Großbritanniens. Mit Weltcupsiegen, Weltmeistertiteln und unzähligen Rennkilometern im Gepäck wissen Gee, Dan und Rachel Atherton ziemlich genau, wie ein schnelles Mountainbike funktionieren muss.
Mit dem Atherton S.170 verfolgen die Briten allerdings einen etwas anderen Ansatz als bei ihren exklusiven Carbon-Modellen. Statt additiv gefertigter Titan-Verbindungen und Carbonrohren setzt das S.170 auf CNC-gefräste Aluminium-Verbindungselemente und Aluminiumrohre. Das Ergebnis ist ein vergleichsweise erschwingliches Enduro-Bike mit 170 Millimetern Federweg, das optisch sofort aus der Masse heraussticht und technisch dennoch unverkennbar ein Atherton bleibt.
Doch wie fährt sich das ungewöhnliche Bike auf dem Trail? Ist das S.170 die günstige Eintrittskarte in die Atherton-Welt oder lediglich ein Exot für Fans der Marke?
Während viele Hersteller ihre Aluminiumrahmen klassisch schweißen, geht Atherton einen eigenen Weg. Beim S.170 werden CNC-gefräste Aluminium-Lugs mit zugeschnittenen Aluminiumrohren verbunden. Dadurch lassen sich ungewöhnlich viele Rahmengrößen realisieren, ohne für jede Größe eigene Werkzeuge entwickeln zu müssen.
Besonders spannend: Das S.170 ist in insgesamt zwölf Größen erhältlich. Die Reach-Werte reichen von 405 bis 515 Millimetern und wachsen in feinen 10-Millimeter-Schritten. Gleichzeitig passen sich Kettenstrebenlänge und Sitzwinkel an die Rahmengröße an. Damit verfolgt Atherton einen Ansatz, den aktuell nur wenige Hersteller in dieser Konsequenz umsetzen.
Auch beim Hinterbau setzt Atherton auf Bewährtes. Zum Einsatz kommt das DW4-System, eine klassische DW-Link-Konstruktion mit zwei gegenläufig rotierenden Umlenkhebeln. Anders als viele moderne DW-Link-Bikes wurde das S.170 jedoch nicht auf maximale Effizienz getrimmt, sondern klar auf Traktion und Fahrwerksperformance ausgelegt.
Inhalt
Spezifikationen
- Rahmen
- Rahmenmaterial: 7075 Aluminium mit CNC Muffen
- Head angle: 63.6°
- Sitzwinkel: 76.6 – 78.6º
- Reach 405 – 515 mm
- Kettenstrebenlänge: 430 – 440 mm
- Rahmengrößen: 12!
- Federweg 180 mm (vorne) / 170 mm (hinten)
- Hinterbau System: DW4 Suspension
- Laufradgröße Mullet (29″/27,5″)
Erster Eindruck
Das Atherton S.170 ist eines dieser Bikes, die man nicht einfach am Lift vorbeischiebt, ohne angesprochen zu werden. Der Rahmen wirkt technisch, kantig und fast schon industriell. Während viele moderne Enduros inzwischen recht ähnlich aussehen, hat das S.170 einen eigenen Charakter.
Die Mischung aus gefrästen Verbindungselementen, markanten Rohrformen und sichtbarer Technik erzeugt einen fast prototypenhaften Look. Manche werden das Design lieben, andere eher gewöhnungsbedürftig finden. Langweilig ist es jedenfalls nicht.
Beim ersten Aufsitzen fällt die hohe Front auf. Zusammen mit dem vergleichsweise kompakten Heck entsteht sofort ein sehr zentraler, aber leicht hecklastiger Eindruck. Das ist keine Sitzposition, die man von modernen Trailbikes kennt. Das S.170 signalisiert bereits im Stand: Hier geht es vor allem ums Bergabfahren.
Die Ausstattung des Testbikes bewegt sich grundsätzlich auf hohem Niveau. Besonders die Kombination aus RockShox Zeb Ultimate und Super Deluxe Coil Ultimate passt hervorragend zum Charakter des Bikes. Das Fahrwerk wirkt von Beginn an äußerst sensibel und vermittelt viel Vertrauen.
Auch die Hayes Dominion A4 Bremsen gehören weiterhin zu den stärksten Bremsanlagen am Markt und liefern enorme Bremskraft bei gleichzeitig guter Dosierbarkeit.
Kritischer sehen wir einige Detailentscheidungen. Der kurze 175-mm-Dropper wirkt auf einem modernen 170-mm-Enduro etwas knapp bemessen. Gleiches gilt für den 35-mm-Vorbau, der die ohnehin hecklastige Gewichtsverteilung zusätzlich verstärkt. Auch die serienmäßigen Reifen könnten für ein Bike mit diesem Einsatzbereich etwas robuster ausfallen.timierung als vielmehr auf Haltbarkeit und Servicefreundlichkeit. Genau das dürfte viele Fahrer ansprechen, die ihr Bike mehrere Jahre intensiv bewegen möchten.
Verarbeitung
Beim Atherton S.170 lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen. Denn die Verarbeitung ist nicht einfach nur hochwertig, sondern unterscheidet sich grundlegend von dem, was man von klassischen Aluminiumrahmen kennt.
Während die meisten Hersteller ihre Rahmen aus hydrogeformten Aluminiumrohren zusammenschweißen, verfolgt Atherton einen deutlich aufwendigeren Ansatz. Herzstück des S.170 sind die CNC-gefrästen Verbindungselemente, die sogenannten Lugs. Diese werden aus massiven Aluminiumblöcken herausgefräst und anschließend mit den ebenfalls aus Aluminium gefertigten Rahmenrohren verbunden. Das Ergebnis wirkt beinahe wie ein individuell gefertigter Rahmen aus dem Custom-Bereich.
Gerade an den Übergängen zwischen Steuerrohr, Oberrohr und Sitzrohr fällt auf, wie präzise die einzelnen Bauteile ineinandergreifen. Nichts wirkt zufällig oder kostengünstig konstruiert. Stattdessen vermittelt das Bike schon beim ersten Kontakt den Eindruck eines sehr bewusst entwickelten Produkts.
Die Fräsqualität der einzelnen Komponenten bewegt sich auf einem extrem hohen Niveau. Sämtliche Kanten sind sauber ausgearbeitet, die Oberflächen hochwertig verarbeitet und auch im Detail finden sich kaum Schwachstellen. Besonders die massiven Umlenkhebel des DW4-Hinterbaus wirken wie kleine Kunstwerke aus dem CNC-Fräser.
Auch die Zugverlegung wurde praxisnah umgesetzt. Die Leitungen verlaufen sauber im Rahmen und werden intern geführt, ohne dass beim Fahren störende Geräusche entstehen. Gleichzeitig ermöglicht eine großzügige Serviceöffnung am Unterrohr einen unkomplizierten Zugang zu den Leitungen. Wer schon einmal bei anderen Herstellern eine interne Bremsleitung verlegt hat, wird diese Lösung schnell zu schätzen wissen.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Wartungsfreundlichkeit. Die Lagerpunkte sind gut erreichbar, die Konstruktion wirkt durchdacht und robust. Atherton setzt hier weniger auf maximale Gewichtsoptimierung als vielmehr auf Haltbarkeit und Servicefreundlichkeit. Genau das dürfte viele Fahrer ansprechen, die ihr Bike mehrere Jahre intensiv bewegen möchten.
Ausstattung des Atherton S.170
Auch bei der Ausstattung wird schnell klar, in welche Richtung Atherton das S.170 entwickelt hat. Dieses Bike möchte nicht der leichteste Allrounder im Segment sein. Stattdessen setzt man konsequent auf Komponenten, die zur klaren Enduro-Ausrichtung passen.
An der Front arbeitet eine RockShox Zeb Ultimate mit satten 180 Millimetern Federweg. Die Zeb gehört seit Jahren zu den Referenzen im Enduro- und Freeride-Bereich und harmoniert hervorragend mit dem Charakter des Bikes. Die massive 38-Millimeter-Plattform sorgt für hohe Steifigkeit und liefert selbst in ruppigem Gelände viel Präzision.
Am Heck kommt ein RockShox Super Deluxe Coil Ultimate zum Einsatz. Allein diese Entscheidung zeigt, wohin die Reise geht. Während viele Hersteller inzwischen wieder auf Luftdämpfer setzen, vertraut Atherton bewusst auf die Vorteile einer Stahlfeder. Das Ergebnis ist ein äußerst sensibles Ansprechverhalten, hervorragende Traktion und ein Fahrgefühl, das besonders auf technischen Trails überzeugt.
Die Bremsanlage stammt von Hayes. Verbaut sind Dominion A4 Bremsen, die unter Kennern längst Kultstatus genießen. Die Dominion zählt zu den kräftigsten und gleichzeitig feinfühligsten Vierkolbenbremsen am Markt. Gerade bei langen alpinen Abfahrten oder anspruchsvollen Enduro-Etappen spielt sie ihre Stärken aus.
Bei den Laufrädern setzt Atherton auf Stan’s Flow EX3 Felgen. Diese gelten seit Jahren als robuste und zuverlässige Option für den harten Enduro-Einsatz. Sie sind zwar nicht die leichtesten Felgen auf dem Markt, passen aber perfekt zur Philosophie des Bikes.
Besonders positiv fällt die Reifenwahl auf. Mit Continental Kryptotal Pneus in Enduro-Karkasse erhält das S.170 genau die Art von Bereifung, die man auf einem 170-Millimeter-Bike sehen möchte. Viel Grip, stabile Seitenwände und genügend Reserven für anspruchsvolle Trails.
Etwas überraschend fällt dagegen die Wahl der Variostütze aus. Die verbaute Fox Transfer funktioniert zwar zuverlässig, die Hubhöhe von 175 Millimetern wirkt angesichts der modernen Geometrie und des großzügigen Rahmendesigns aber etwas konservativ. Das Bike bietet problemlos Platz für deutlich längere Stützen.
Auch Cockpit und Antrieb sind solide gewählt. Die Kombination aus SRAM GX Eagle und einzelnen X01-Komponenten liefert eine zuverlässige Schaltperformance ohne unnötigen Luxus. Funktion steht hier klar vor Prestige.
Insgesamt wirkt die Ausstattung des Atherton S.170 sehr bewusst zusammengestellt. Statt auf spektakuläre Einzelkomponenten oder Marketing-Highlights setzt man auf bewährte Teile, die zum Charakter des Bikes passen. Das Ergebnis ist ein stimmiges Gesamtpaket, das sich klar an Fahrer richtet, die regelmäßig anspruchsvolle Trails unter die Räder nehmen und dabei Wert auf Haltbarkeit und Performance legen.
Das Athertonsche Größtensystem
Atherton zeigt beim Thema Größenwahl eindrucksvoll, wie moderne Geometrie gedacht werden kann. Zwölf Rahmengrößen sind selbst im Premiumsegment eine Ausnahme. Die feinen Abstufungen ermöglichen eine deutlich präzisere Anpassung an Körpergröße und Fahrstil als die üblichen S-, M-, L- und XL-Kategorien.
Besonders interessant ist dabei, dass Atherton nicht einfach nur den Reach verlängert. Mit zunehmender Rahmengröße wachsen auch Kettenstrebenlänge und Sitzwinkel. Dadurch bleibt die Gewichtsverteilung über alle Größen hinweg vergleichsweise konstant.
Der Fertigungsprozess – Atherton geht seinen eigenen Weg
Einer der spannendsten Aspekte des S.170 ist ohne Zweifel die Art und Weise, wie der Rahmen entsteht.
Atherton Bikes wurde ursprünglich bekannt durch die sogenannten AM. und A.-Series Modelle, bei denen 3D-gedruckte Titan-Lugs mit Carbonrohren kombiniert werden. Diese Fertigungsmethode erlaubt praktisch maßgeschneiderte Geometrien, ist allerdings extrem aufwendig und kostspielig.
Mit dem S.170 wollte Atherton dieselbe Philosophie einem größeren Fahrerkreis zugänglich machen. Deshalb entwickelte man ein Produktionsverfahren, das viele Vorteile der Boutique-Fertigung übernimmt, aber deutlich wirtschaftlicher realisierbar ist.
Anstelle der gedruckten Titan-Lugs kommen beim S.170 hochpräzise CNC-gefräste Aluminium-Verbindungselemente zum Einsatz. Diese werden mit Aluminiumrohren kombiniert und anschließend verklebt sowie verschraubt. Dadurch bleibt die hohe Flexibilität bei den Rahmengrößen erhalten.
Genau hier liegt einer der größten Vorteile des Systems. Während klassische Hersteller für jede Rahmengröße eigene Formen und Produktionswerkzeuge benötigen, kann Atherton die Rohrlängen vergleichsweise einfach anpassen. Deshalb stehen beim S.170 insgesamt zwölf Rahmengrößen zur Verfügung.
Das klingt zunächst nach einem Marketing-Gag, macht in der Praxis aber durchaus Sinn. Zwischen zwei Größen liegen lediglich zehn Millimeter Reach-Differenz. Dadurch können Fahrer deutlich genauer die passende Geometrie wählen als bei klassischen S-, M-, L- oder XL-Abstufungen.
Hinzu kommt, dass Atherton nicht einfach nur den Reach verlängert. Mit zunehmender Rahmengröße wachsen auch Kettenstrebenlänge und Sitzwinkel mit. Das sorgt für eine deutlich ausgewogenere Gewichtsverteilung über alle Größen hinweg und verhindert, dass große Fahrer auf einem überproportional kurzen Heck sitzen.
Der gesamte Fertigungsprozess erinnert deshalb eher an einen kleinen Rahmenbauer als an einen klassischen Großserienhersteller. Genau dieser Boutique-Charakter macht einen großen Teil der Faszination des S.170 aus.
Auf dem Trail mit dem Atherton S.170
Auf dem Papier würde man dem Atherton S.170 nicht unbedingt Kletterqualitäten zuschreiben. 170 Millimeter Federweg, Stahlfederdämpfer, Mullet-Setup und rund 17 Kilogramm Gewicht klingen zunächst nicht nach Marathonbike.
Überraschenderweise schlägt sich das S.170 bergauf jedoch erstaunlich gut. Das DW4-Hinterbausystem generiert viel Traktion und hält das Hinterrad selbst auf technischen Anstiegen sauber am Boden. Wurzelteppiche, Felsstufen oder lose Untergründe verlieren viel von ihrem Schrecken, weil das Fahrwerk permanent Bodenkontakt hält.
Komplett neutral tritt sich das Bike allerdings nicht. Im Vergleich zu vielen modernen Enduros arbeitet der Hinterbau aktiver und nutzt seinen Federweg bereitwillig aus. Wer maximale Effizienz sucht, wird anderswo fündig. Wer jedoch technische Uphills liebt, findet hier einen äußerst leistungsfähigen Kletterer.
Schon nach den ersten Metern wird klar, dass dieses Bike nicht entwickelt wurde, um auf Forstwegen Bestzeiten aufzustellen. Das Fahrwerk arbeitet unglaublich sensibel, bietet enorme Traktion und vermittelt ein nahezu bodenloses Gefühl im Federweg. Selbst harte Einschläge verschwinden förmlich unter dem Bike.
Besonders beeindruckend ist die Ruhe des Fahrwerks in grobem Gelände. Wo andere Enduros anfangen nervös zu werden, bleibt das Atherton bemerkenswert gelassen. Steinfelder, Bremswellen und verblockte Passagen steckt das Bike mit einer Souveränität weg, die man sonst eher von Mini-DH-Bikes kennt.
Allerdings verlangt das S.170 nach einem aktiven Fahrer. Durch die hohe Front und die vergleichsweise hecklastige Geometrie muss bewusst Druck auf das Vorderrad gebracht werden. Tut man das nicht, wirkt die Front leicht und etwas unruhig. Wer hingegen aktiv fährt und das Bike konsequent über das Vorderrad steuert, wird mit enormem Grip und viel Kontrolle belohnt.
In schnellen Kurven überzeugt die hohe Torsionssteifigkeit des Rahmens. Das Bike hält die Linie präzise und vermittelt viel Sicherheit. Gleichzeitig ist es weniger verspielt als einige moderne Enduros mit ausgewogenerer Gewichtsverteilung. Das Atherton möchte gefahren werden. Es fordert seinen Fahrer, belohnt ihn dafür aber mit beeindruckender Performance.
Fazit zum Atherton S.170
Das Atherton S.170 ist kein Bike für jeden. Wer ein verspieltes Trailbike sucht, das auf jedem Terrain unkompliziert funktioniert, wird vermutlich woanders glücklicher.
Wer jedoch ein kompromissloses Enduro mit starkem Fokus auf Abfahrtsperformance sucht, sollte das S.170 unbedingt auf seine Liste setzen. Das Fahrwerk gehört zu den Highlights des Bikes und überzeugt mit enormer Traktion, viel Komfort und beeindruckender Reserven. Dazu kommen die außergewöhnliche Fertigungsweise und die nahezu einzigartige Größenvielfalt.
Das Atherton S.170 fühlt sich ein wenig wie ein Mini-Downhiller mit Klettereigenschaften an. Genau darin liegt seine Stärke. Es verlangt etwas Einsatz vom Fahrer, liefert dafür aber eine Performance, die auf anspruchsvollen Trails absolut überzeugt. Für ambitionierte Enduro-Fahrer ist das S.170 eines der interessantesten Boutique-Bikes auf dem Markt.
Pro’s & Con’s
Pro
- Einzigartiges Design
- Mini DH! Absolutes Biest auf der Geraden
Contra
- Hecklastige Gewichtsverteilung erfordert aktiven Fahrstil
- Einige Ausstattungsdetails wirken nicht optimal gewählt
- Weniger verspielt als moderne Allround-Enduros
- Mit rund 17 kg kein Leichtgewicht
Text & Bilder: Sven Schebaum
Du hast Feedback für uns? Wir freuen uns immer über eure Meinungen oder eigene Erfahrungswerte zu unseren Themen.
Transparenzhinweis: Im Zuge des Tests wurde uns vom Hersteller ein Testmuster zur Verfügung gestellt. Mehr dazu.















